Ich trommelte mit den Fäusten auf den Boden, bis sie bluteten, und schlug mit Steinen gegen mein Gesicht und meine Brust. Doch David Ben Jona war es nicht vergönnt, zu sterben. Nicht nach dem unverzeihlichen Verbrechen, das er an neunundachtzig Nazaräern verübt hatte.

Im nächsten Augenblick wußte ich, was ich zu tun hatte, denn es war, als wäre ich nicht mehr länger Herr meiner selbst, sondern folgte den Weisungen einer unsichtbaren Kraft. Ich mußte Jerusalem verlassen. Es stand mir nicht zu, schon jetzt zu sterben, denn derselbe Gott, den ich kurz zuvor verflucht hatte, wollte nun an mir Rache nehmen.

Mir kam der Gedanke, wie ich fliehen konnte. Es war Gottes Plan, und ich befolgte ihn widerspruchslos.

Um aus Jerusalem zu entkommen, mußte ich den Weg durch eines der Stadttore nehmen, vor denen die römischen Streitkräfte lagen. Und nur auf eine Art konnte man unversehrt durch die feindlichen Lager gelangen, welche die Stadt umringten: als Aussätziger. Der Plan eröffnete sich mir wie in einem Traum, denn ich war in keiner Weise um meine Sicherheit oder um mein Leben besorgt — ich sehnte den Tod sogar herbei —, und doch erkannte ich, daß ich auf diese Weise aus der Stadt entkommen sollte. Daher wußte ich, daß es Gottes Plan war.

Gemäß dem dreizehnten Kapitel des dritten Buches Mose zerriß ich meine Kleider, entblößte mein Haupt und verhüllte meinen Bart. Dann ging ich durch die Straßen und rief aus:»Unrein! Unrein!«wie es im Gesetz geschrieben steht.

Als ich mich dem Joppe-Tor näherte und mich nicht weit vom Palast des Herodes befand, bemerkte ich, daß die Menschen vor mir die Flucht ergriffen. Ich lief wie im Traum, ohne Hast und völlig achtlos, denn alles Leben war von mir gewichen, und mein Körper war wie aus Holz. Dennoch machte man mir den Weg frei. Niemand wagte es, mich aufzuhalten, und das Tor wurde mir von den Zeloten, die es bewachten, geöffnet. Sie waren ein roher, abgezehrter Pöbelhaufen mit ungekämmten Bärten und blutgetränkter Kleidung. Sie musterten mich geringschätzig und machten unflätige Bemerkungen, als ich vorüberging.

Als das Tor sich hinter mir schloß, sah ich vor mir die furchterregenden Lager der Römer, Zeltreihen und frühmorgendliche Feuer, soweit das Auge reichte. Ich rief:»Unrein! Unrein!«und ging mitten hindurch. Als ich auf die Straße nach Damaskus zuschritt, begegnete ich zwei widerlich anzusehenden Söldnern, die mit ihren frisch geschliffenen Schwertern herumfuchtelten und mich argwöhnisch betrachteten. Da sie einen gängigen griechischen Dialekt sprachen, konnte ich verstehen, was sie sagten. Der eine wollte mich aufschlitzen und meine Gedärme nach Gold durchsuchen, doch der andere hatte Angst, sich mir zu nähern. Der erste meinte, ich könne mich ja nur verkleidet haben, doch der andere hielt dagegen, daß er das Risiko nicht eingehen wolle. Und so kam es, daß ich die Straße nach Damaskus unversehrt erreichte, denn nicht einmal Römer sind gewillt, einen Aussätzigen zu berühren.

Wie lange ich unterwegs war, kann ich nicht sagen, aber es ist ein langer Weg von Jerusalem nach Galiläa, und ich sah die Sonne viele Male auf- und untergehen. Weil ich Nahrung brauchte, legte ich meine Verkleidung als Aussätziger nach einer Weile ab und zog als Bettler durchs Land. Ein wenig Getreide hier, eine Brotrinde da und Wasser, wenn ich gelegentlich auf einen Brunnen stieß. Und allenthalben sah ich die durch die Römer verursachte Zerstörung. Und als ich so dahin wanderte, kam ich zu der Erkenntnis, daß ich ein noch geringeres und noch verachtenswerteres Geschöpf war, als ich bisher geglaubt hatte, denn über meine leichtfertige Flucht aus Jerusalem und meine ziellose Wanderung nach Norden hatte ich Sara und Jonathan völlig vergessen. Und damit hatte ich das einem sterbenden Freund gegebene Versprechen gebrochen. Welche Greuel Sara und Jonathan auch immer erleiden mußten, es war meine Schuld, denn hätte ich zu meinem Wort gestanden, hätte ich sie zusammen mit mir gerettet.

Irgendwie schlug ich mich bis Magdala durch — wie, das werde ich wohl niemals erfahren. Es gab da eine nicht zu mir gehörende Kraft, die mich lenkte, denn wenn es allein nach mir gegangen wäre, hätte ich mich am Wegrand niedergelegt und wäre wohl schon lange tot. Doch mein Überleben entsprach weder meinem eigenen Wunsch, noch war es dem Schicksal zuzuschreiben. Und trotzdem erreichte ich schließlich das leere Haus meines Vaters und ein Dorf, das von Krieg und Plünderung gezeichnet war. Aus der verlassenen Synagoge nahm ich diese Schriftrollen, denn plötzlich wußte ich, welchem Zweck ich dienen sollte. Gott der Herr hatte mich nur aus einem Grund gerettet: Ich sollte alles, was geschehen war, nieder schreiben. Warum ich dies tun sollte, weiß ich auch nicht. Doch ebenso wie es der Plan des Herrn war, daß du mein Sohn sein solltest, Jonathan, so muß es auch sein Plan gewesen sein, daß du das Leben deines Vaters in allen Einzelheiten erfahren solltest. Und so habe ich alles für dich aufgeschrieben. Wenn Sara dir die Wahrheit sagt, wirst du vielleicht kommen und nach mir suchen. Und auf der Suche wirst du diese Schriftrollen finden. Und erinnere dich, mein Sohn: Nicht dir obliegt es, zu richten, sondern Gott allein. Und Gott war es auch, der das Schicksal vorherbestimmte, das Jerusalem widerfuhr. Denn wie schon der Prophet Jesaja sagte:»Siehe, der Herr leert und verheert die Erde, er kehrt ihr Angesicht um und zerstreut ihre Bewohner. Die Erde wird entleert und völlig ausgeplündert; denn so hat der Herr Wort gesprochen. Nur Verödung ist in der Stadt zurückgeblieben, in Stücke ist das Tor zerschlagen. «Sei dir stets eingedenk, mein Sohn, daß du ein Jude bist, so wie ich ein Jude bin, so wie mein Vater ein Jude war. Du wirst auch weiterhin auf den Messias warten. Ich weiß, daß Sara es dich lehren wird. Und an dieser Stelle muß ich dich noch einmal eindringlich warnen: Schaue nicht nach Rom. Wir in Jerusalem waren diejenigen, die den Meister zu seinen Lebzeiten kannten, doch mit uns ist es jetzt vorbei. Simon ist tot, Jakobus ist tot, und von den Zwölfen sind auch alle tot. Es lebt heute niemand mehr, der ihn kannte. In deiner jugendlichen Unschuld, fürchte ich, wirst du deinen Blick auf die Heiden richten, denn auch sie benutzen das Wort Messias. Aber halte dir stets vor Augen, mein Sohn, daß sie uns nur nachgeahmt haben. Während Jerusalem auf einen Mann wartete, wartet Rom auf ein Traumbild.

Denke stets an folgendes Gleichnis: Vorzeiten wuchs eine starke und mächtige Eiche, die eines Tages ein Samenkorn auf die Erde fallen ließ. Daraus entstand ein neuer Schößling. Eines Tages schlug der Blitz in die große Eiche ein und zerstörte sie, bis nichts von ihr übrigblieb. Der neue Schößling, der nicht getroffen worden war, wuchs weiter. Doch wächst er unabhängig vom Elternbaum und entwickelt sich auf eine andere Weise.

Eines Tages, wenn der Sproß zu stattlicher Größe emporgewachsen ist, wird ein Mann vorüberkommen und sagen:»Hier steht eine mächtige Eiche«, und er wird nicht wissen, daß dicht daneben einst eine mächtigere stand.

Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott! Kann es sein, daß noch ein wenig Würde in David Ben Jona übrig ist, die ihm die Gnade des Gottes Abrahams sichert? Gewiß träume ich! Sicherlich ist dies der Tag der Tage! Bin ich verrückt geworden, oder habe ich heute morgen tatsächlich mit meinem alten Freund Salmonides gesprochen, der wie ein Geist aus der Vergangenheit vor mir auftauchte? Und die unglaubliche Geschichte, die er mir erzählte! So glücklich war der alte Grieche, mich zu sehen, daß er sich diesem gemeinen Menschen vor die Füße warf und beteuerte, er habe mich gesucht.

In, meiner äußersten Verblüffung sagte ich ihm, daß ich ein verachtenswerter Mensch sei und daß ich den Urteilsspruch des Herrn erwarte, der meinen Tod bedeute.

Darauf meinte dieser anmaßende Bursche:»Dann habt Ihr Euren Gott wohl falsch eingeschätzt, Meister, oder ist er vielleicht zu beschäftigt damit, Jerusalem zu zerstören, und hat Euch vergessen? Denn Ihr werdet nicht sterben, und Ihr seid auch kein verachtenswerter Mensch. Es gibt Leute, die Euch lieben. «Und er fuhr fort mit seiner unglaublichen Geschichte, wie er des Nachts aus Jerusalem geflohen war, wie er das Vermögen, das er in all den Jahren an mir verdient hatte, dazu benutzt hatte, sich durch Bestechung freies Geleit durch die feindlichen Linien zu verschaffen, und wie er außer seinem eigenen noch zwei andere Leben gerettet hatte.

Und ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, als ich im nächsten Augenblick Sara und Jonathan vor mir stehen sah.

Ben stieß einen Schrei aus, fiel vom Stuhl und landete krachend auf dem Fußboden. Sein Körper bebte heftig und zuckte, wie von einem Anfall ergriffen. Als Judy, die sofort auf den Knien neben ihm war, versuchte, ihn aufzurichten, murmelte er:»Nein. es gibt noch mehr. Ich. muß lesen.«

Der Schweiß rann an seinem aschfahlen Gesicht herunter. Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten ins Leere. Er schien die junge Frau, die sich mit ihm abmühte, vergessen zu haben und schien sich auch gar nicht bewußt zu sein, daß er irgendwie wieder auf die Beine kam und sich Halt suchend auf den Schreibtisch stützte. Bens Hemd war durchnäßt. Er atmete schwer, als wäre er meilenweit gerannt.»Muß zum Schluß kommen. muß lesen.«

«Du mußt ein wenig aussetzen, Ben, du machst dich krank!«Der Klang ihrer Stimme ließ ihn aufhören zu zittern. Er wandte sich zu ihr um und schaute sie auf höchst seltsame Weise an.»Judy«, flüsterte er. Dann fiel er auf seinen Stuhl zurück und verbarg sein Gesicht in den Händen.

Judy kniete vor ihm und wischte ihm den Schweiß ab, der ihm von Gesicht und Nacken strömte. Auch sie selbst war schwach, blaß und erschöpft. Zusammen hatten sie das Martyrium Jerusalems miterlebt.

«Judy.«, murmelte er in seine Hände.»Ich erinnere mich daran. Ich erinnere mich an alles.«