»Dann«, sagte Cathérine erblassend, »bin ich also verloren?«

»Noch nicht! Mohammed ist zwar naiv, aber tapfer. Er ist ein Krieger, er kann sich durchschlagen. Deshalb begnügt sich Zobeida damit, dich bewachen zu lassen. Wenn ihr Bruder zurückkehrt, hat sie, wenn auch vielleicht etwas zu fürsorglich, über die Favoritin ihres vielgeliebten Bruders gewacht. Und wenn die Nachricht vom Tod des Kalifen hier eintrifft, lebst du keine Stunde länger!«

»Warum? Was habe ich getan?«

»Du nichts. Aber Zorah, die Ägypterin, hat dich aufs Korn genommen. Sie ist bei der Prinzessin wohlgelitten, der gegenüber sie immer eine widerliche Unterwürfigkeit an den Tag gelegt hat. Und da Zorah deinen Tod um jeden Preis will, hat sie Phantasie bewiesen … ich möchte sagen, fast Genialität, denn sie hat, ohne es zu wissen, die Wahrheit entdeckt!«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß eine einzige Person es wagt, sich dem Kalifen zu widersetzen: Zobeida. Du mußtest sie dir zur erbarmungslosen Feindin machen. Dazu gab es ein Mittel: ihre Eifersucht auf alles, was mit dem fränkischen Kriegshelden zusammenhängt. Zorah machte sich die Tatsache zunutze, daß du aus demselben Land stammst, und hat der Prinzessin eingeflüstert, du seist in ihren Gefangenen verliebt und wolltest dich ihm nähern!«

Cathérine stieß einen Entsetzensschrei aus, erstickte ihn aber sofort mit zitternder Hand.

»Das hat sie gesagt? Mein Gott, dann bin ich verloren! Wie kommt es, daß ich nicht schon …«

»… den mongolischen Henkern ausgeliefert worden bin? Das genau hat Zorah gehofft, da sie Zobeidas Temperament kennt. Aber die Prinzessin ist nicht verrückt: Dich während seiner Abwesenheit zu töten, dich, in die sich der Kalif auf den ersten Blick so leidenschaftlich verliebt hat, hieße ihre Mitwirkung am Komplott Banu Saradjs eingestehen, hieße offen verkünden, daß sie hoffe, ihn nicht mehr lebend wiederzusehen. Wenn er wiederkehrt, wird er dich unversehrt antreffen, doch sei gewiß, daß du dich seiner Zärtlichkeiten nicht mehr lange erfreuen wirst. Die Henker wirst du nicht zu fürchten brauchen, aber es wird dir ein Unfall zustoßen, der so gut getarnt ist, daß Zobeida nicht in Verdacht gerät. Sie kennt ihren Bruder und weiß, daß er unter dem äußeren Anschein eines sanftmütigen Dichters einen Hang zur Wildheit verbirgt, der ihrem eigenen ebenbürtig ist. Seine Zornesausbrüche sind selten, aber gefährlich. Und sein Verlangen nach dir muß heftig sein … wenn man dem hier glauben darf!«

Marie deutete auf einen mit Saphiren besetzten Samtüberzug, in dem sich eine Papierrolle mit Gedichten befand, die Mohammed seiner Vielgeliebten geschickt hatte. In den letzten Tagen hatte Cathérine auf diese Weise einen mit einer Schnalle aus großen rosafarbenen Perlen zusammengehaltenen weißen Federbusch, einen goldenen Käfig mit blauen Papageien und ein außerordentliches Kunstwerk erhalten: einen massiv-goldenen Pfau, dessen ganz mit Edelsteinen besetzter Schweif sich fächerartig ausbreitete.

»Das ist übrigens sehr beruhigend«, schloß Marie. »Es beweist zumindest, daß der Herr der Gläubigen noch am Leben ist … gebe Allah, daß er es behält!«

Die Sklavinnen trugen das Mahl herein, und die beiden Frauen hatten ihr vertrauliches Gespräch unterbrochen. Während Marie jedoch den zahlreichen Gerichten, die man ihr vorsetzte, freudig zusprach, verfiel Cathérine in tiefes Sinnen, das zu stören sich Marie wohl hütete. Die Lage war noch schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte. Jeden Augenblick konnte die Nachricht vom Tode Mohammeds eintreffen … und dann! … Gott allein wußte, wie viele Minuten ihr noch zu leben blieben. Sie hätte nicht einmal mehr die Möglichkeit, Arnaud zu benachrichtigen, und sie würde ganz in seiner Nähe sterben, ohne daß er es ahnte. Und was ihre Freunde betraf, wie konnte sie sie zu Hilfe rufen? Josse, der in die Truppe des Kalifen eingetreten war, befand sich in Gefahr, aber wie sollte sie ihm Nachricht geben? Konnte sie Fatima rufen lassen und ihr einen Brief an Abu al-Khayr anvertrauen? Würde der Brief ankommen? Und immer kehrte dieselbe quälende Frage wieder: Würde sie noch Zeit dazu haben?

Marie, die ihren Sorbett ausgetrunken hatte, machte sich eben daran, große, zuckrig glänzende Datteln zu knabbern, fest entschlossen, Catherines Überlegungen nicht zu unterbrechen, als diese sich ihr jäh zuwandte und ihr offen in die Augen blickte. »Da es nun so ist«, erklärte sie ruhig, »habe ich keinen Augenblick zu verlieren. Ich muß noch heute handeln.«

»Was wirst du tun?« Cathérine antwortete nicht sofort.

Ehe sie die entscheidenden Worte sprach, gewährte sie sich noch eine letzte Bedenkzeit, weil es schließlich ihr Leben war, das sie aufs Spiel setzen würde, und weil dieses Mädchen ihr noch vor drei Stunden fast unbekannt gewesen war. Aber die kleine Marie sah sie mit so offenen, treuherzigen Augen an, daß die leichte Voreingenommenheit, die Cathérine noch beherrschte, rasch verflog. Wenn sie dieser Kleinen kein Vertrauen schenken konnte, dann konnte sie an keinen Menschen mehr glauben. Außerdem drängte die Zeit. Sie entschloß sich. »Ich muß hier heraus, muß meinen Gatten sprechen …«

»Das ist klar. Aber wie? Es sei denn …«

»Es sei denn?«

»Wir tauschen unsere Kleider, und du gehst an meiner Statt. Dieses Gewand hat sein Gutes: Um zu wissen, wer wirklich in dem Schleierbündel steckt, muß man schon sehr ausgekocht sein. Außerdem haben wir dieselbe Hautschattierung, und wenn du die Lider senkst, sieht man die Augenfarbe nicht.« Catherines Herz schlug stärker, aber auch regelmäßiger. Marie hatte es geahnt und schlug ganz natürlich vor, was sie von ihr zu erbitten noch gezögert hatte. Sie nahm die Hand der Kleinen. »Bist du dir darüber klar, Marie, daß du in dieser Sache dein Leben riskierst? Wenn jemand kommt, während ich fort bin …«

»Dann werde ich sagen, du hättest mich überwältigt und gefesselt. Es ist nicht schwer, hier jemand zu fesseln. An feinen und festen Geweben fehlt es nicht. Wenn jemand kommt, werde ich gedeckt sein … oder beinahe. Wenn niemand kommt, wirst du mich losbinden, wenn du zurückkehrst, und alles ist in Ordnung!«

»Wie willst du meine Abwesenheit erklären, wenn Morayma hereinkommt?«

»Ich werde sagen, du ersticktest hier und wolltest unbedingt frische Luft schöpfen.«

»Und dazu habe ich dich gefesselt und dir die Kleider abgenommen?«

»Warum nicht? Wenn du die unwahrscheinlich verrückten Ideen kennen würdest, welche die Langeweile den Frauen in diesem Harem eingibt, wüßtest du, daß Morayma nichts mehr erstaunen kann! Trotzdem, nimm dich in acht. Was du vorhast, ist außerordentlich gefährlich. Mit dem fränkischen Ritter sprechen zu wollen bedeutet, den Tod zu suchen. Wenn Zobeida dich überrascht, kann dich nichts, nicht einmal der Gedanke an den Zorn ihres Bruders, vor ihrer Wut retten. In solchen Augenblicken ist sie taub und blind allem anderen gegenüber.«

»Um so schlimmer! Wer nichts riskiert, bekommt nichts. Was mir aber Sorge macht, ist, wie ich an den Wachtposten vorbeikommen soll. Der Privatgarten Zobeidas liegt auf der anderen Seite ihrer Gemächer, nicht wahr? Und ich habe sagen hören, daß mein Gemahl dort einen abgesonderten Pavillon bewohnt.«

»In der Tat. Man nennt ihn das Prinzenpalais, weil er für einen Bruder des Sultans Mohammed V. erbaut worden ist. Er steht am Rande eines Bassins mit blauem Wasser. Der fränkische Herr verläßt ihn nur, um auf die Jagd zu gehen … und das nur unter guter Bewachung. Zobeida hat zu große Angst, daß das Heimweh nach seinem Geburtsland schwerer wiegen könnte als ihre Reize, und hat den Großwesir zu seinem bevorzugten Aufseher gemacht.«

»Ich dachte, er sei in sie verliebt?«

»Grausamkeit nach Art Zobeidas. Banu Saradj verabscheut seinen Nebenbuhler und hofft ohne Zweifel, sich seiner entledigen zu können, wenn er erst einmal Sultan ist, aber im Augenblick ist ihm nichts wichtiger, als seiner Prinzessin zu Gefallen zu sein. Sie könnte sich keinen besseren Wächter aussuchen und weiß es sehr gut. Aber zurück zu unserem Plan. Es ist nicht so schwierig, in Zobeidas Garten zu gelangen. Nahe meinem Gemach gibt es eine kleine Pforte, die immer verschlossen ist, die man aber mit einem Eisenplättchen und etwas Geschicklichkeit aufbrechen kann. Sie führt in die Gärten. Eine Mauer trennt den Garten Zobeidas ab, aber sie ist ziemlich niedrig, und jeder Behende kann sie leicht übersteigen, indem er sich an den Ästen der an ihr stehenden Zypressen festhält. Du müßtest es schaffen, nach all deinen Abenteuern.«

»Schaff ich auch. Aber warum flieht mein Gemahl nicht, wenn die Mauer so leicht zu überwinden ist?«

»Weil das Prinzenpalais von den treuesten Eunuchen Zobeidas streng bewacht wird. Sie sind zahlreich, blind ergeben, und ihre Krummschwerter sind scharf.«

Das klang offensichtlich nicht beruhigend. Cathérine ließ indessen die besorgniserregenden Einzelheiten beiseite und machte sich daran, sich genau über den zu verfolgenden Weg klarzuwerden, um zuerst das Zimmer Maries zu erreichen, ohne Neugier zu erwecken, dann von da aus die berühmte kleine Pforte, die die junge Odaliske ihr eingehend beschrieb. »Man würde sagen, daß du sie gut kennst!« bemerkte Cathérine.

»In den Gärten des Kalifen wachsen besonders saftige, riesige Pflaumen, die nur seinem Tisch vorbehalten sind … und ich bin doch so schrecklich gefräßig!«

Cathérine mußte lachen. Die beiden Freundinnen plapperten weiter, drauf wartend, daß der Tag sich neigte.

Denn der Plan, den sie ausgeheckt hatten, ließ sich nicht im vollen Sonnenlicht ausführen, und Cathérine, die es um so eiliger hatte, zu ihrem Gatten zu gelangen, als jede Nacht ihr Qualen bereitete, kamen die Stunden unendlich lang vor.

Sie wußte nur zu genau, wie Zobeida ihre Nächte verbrachte. Mit wahrer Erleichterung sah sie die Dämmerung hereinbrechen. Als die Sklavinnen mit den Abendgerichten erschienen, befahl sie ihnen, alles hinzustellen und zu verschwinden.