Die alte Jüdin warf Cathérine einen mißtrauischen Blick zu. »Wo kommst du her? Ich suchte dich …«
»Aus diesem Garten. Die Nacht war so … schön! Ich hatte noch keine Lust, hineinzugehen«, brachte die junge Frau mit Mühe heraus.
Ohne zu antworten, nahm Morayma sie an der Hand und zog sie zum Turm. Unter der erleuchteten Kolonnade angekommen, sah sie ihre Gefangene prüfend an, runzelte die Stirn und sagte:
»Du bist sehr blaß! Fehlt dir etwas? …«
»Nein. Müde vielleicht …«
»Dann frage ich mich, weshalb du dich noch nicht hingelegt hast. Komm jetzt!«
Cathérine ließ sich widerstandslos zu einer Flucht von Zimmern führen, von denen sie nichts sah. Ihr aufgewühlter Geist stellte ihr immer und immer wieder die Liebesszene dar, deren Zeugin sie gewesen war. Und Morayma, die sich auf Freudenschreie über den Luxus gefaßt gemacht hatte, den die Liebe des Kalifen dieser ausgelösten Sklavin bot, verstand nicht, warum sich Cathérine, nachdem sie kaum das Zimmer betreten hatte, in dem ein ganzes Heer von Dienerinnen sie erwartete, auf die Seidenmatratzen sinken ließ, um bittere Tränen zu vergießen. Indessen besaß die Gebieterin des Harems genügend Klugheit, um keine Fragen zu stellen. Sie begnügte sich damit, mit einer herrischen Geste die Dienerinnen hinauszuschicken, und setzte sich dann geduldig auf das Fußende des Bettes, um das Verebben des Sturms abzuwarten.
Philosophisch schrieb sie ihn den ziemlich erheblichen Aufregungen dieses bewegten Tages zu. Aber Cathérine weinte lange, so lange, daß erst die Müdigkeit ihren Kummer besiegte. Als das Schluchzen erstarb, sank sie ohne Übergang in den Schlaf eines erschöpften Tieres. Schon einen Augenblick zuvor war Morayma ihr ins Reich der Träume vorangegangen und schlief, in sich zusammengekauert. Die Sommernacht, durch das Geläut der Glocke der Bewässerungskanäle untermalt, senkte sich über Granada.
Das Zimmer Catherines wimmelte von Menschen, als sie die vom Weinen noch verschwollenen Augen aufschlug. Sie schloß sie sofort wieder, überzeugt, daß dies nur die Fortsetzung ihrer fiebrigen Träume sei. Aber die feuchten, frischen Umschläge, die sie gleich darauf auf ihren Augen spürte, berichtigten schnell den Irrtum. Sie war wirklich wach. Eine dröhnende Stimme mischte sich ein.
»Wach auf, Licht des Morgens, meine kostbare Perle! Wache auf, und schau dir die Herrlichkeit an!«
Cathérine schlug mißtrauisch die Augen wieder auf. Die besagte Herrlichkeit bestand aus einem Bataillon überall im Zimmer kniender Sklavinnen, deren Arme mit vielen Dingen beladen waren. Man bot ihr Seidenstoffe, Musseline aller Farben, goldgefaßten Schmuck aus Steinen von barbarischer Größe, dickbauchige Flaschen mit Parfümen und seltenen Ölen, Vögel mit langem, schönem Gefieder, die wie farbenfunkelnde Juwelen aussahen. Was aber sofort den Blick der neuen Favoritin fesselte, war die überwältigende Gestalt Fatimas, die wie ein Schneider auf einem dicken, auf dem Boden liegenden Kissen saß, die Hände über dem mit brandroter Seide bekleideten Bauch gefaltet, ein breites Lächeln auf ihrem schwarzen Mondgesicht. Sie beobachtete ihr Erwachen mit vergnügter Miene. Über Cathérine gebeugt, befeuchtete eine junge milchkaffeefarbene Sklavin ihr die Augen.
Als die Äthiopierin bemerkte, daß die junge Frau sie ansah, stand sie auf und verneigte sich mit erstaunlicher Behendigkeit, indem sie mit den absurden, in ihrer Frisur steckenden Pfauenfedern über den Boden fegte.
»Was machst du hier?« fragte Cathérine widerwillig.
»Ich bin gekommen, den aufgehenden Stern zu begrüßen, o Herrlichkeit! Auf den Märkten redet man nur von der Vielgeliebten des Kalifen, der seltenen Perle, die entdeckt zu haben ich das Vorrecht hatte …«
»Und du kommst schon am frühen Morgen, um dir deinen Lohn zu holen, nehme ich an?«
Der verächtliche Ton Catherines konnte das Lächeln Fatimas nicht auslöschen. Ganz offensichtlich barst die Negerin vor Freude und ließ sich von nichts anderem beeindrucken.
»Aber nein! Ich bin gekommen, um dir ein Geschenk zu bringen.«
»Ein Geschenk? Von dir?«
»Nicht ganz. Von Abu, dem Arzt! Weißt du, Licht des Morgens, wir haben diese gute Seele schwer verkannt!«
Der Name ihres Freundes vertrieb wie durch einen Zauber Catherines Gleichgültigkeit. In dem Abgrund von Zorn, Schmerz und Ekel, in dem sie sich befand, war der Name Abus etwas Stärkendes, etwas Belebendes für sie. Sie stützte sich auf einen Ellbogen auf und schob die Sklavin beiseite, die etwas weiter entfernt niederkniete. »Was willst du damit sagen?«
Die schwarze Hand Fatimas deutete auf einen großen vergoldeten Korb mit den schönsten Früchten, die Cathérine je gesehen hatte und von denen die meisten ihr unbekannt waren.
»Er ist beim ersten Strahl der Morgensonne gekommen, um mir dies zu bringen und mich zu bitten, in die Alhambra zu gehen und es dir zum Geschenk zu machen.«
»Dich? Er brauchte sich dir gegenüber doch nicht erkenntlich zu zeigen! Du hast ihn doch betrogen, nicht wahr?«
»Das ist es ja, weshalb ich sage, Abu al-Khayr habe eine großmütige Seele. Nicht nur, daß er nichts mehr von mir haben will, ist er mir auch noch sehr dankbar für das, was ich getan habe. Du hast dafür gesorgt, daß ich, ohne es zu wollen, zum Glück meines Kalifen beitrugt, sagte er mit Tränen in der Stimme zu mir und fuhr fort: ›Von nun an wird der Herr der Gläubigen sich in seinen Gebeten Abus des Arztes erinnern, der ihm ein Juwel geopfert hat, ohne einen Preis dafür zu berechnen.‹ Was dich betrifft«, fügte die Äthiopierin redegewandt hinzu, »so bittet er dich, diese Früchte anzunehmen und sie mit Genuß zu essen, damit sie deinem durch dein Glück erschreckten Herzen wieder Mut einflößen, deine Kräfte beleben und dir den Glanz verleihen, der dein Glück dauerhaft machen wird. Diese Früchte, so versichert er, haben geheime Kräfte, aber nur für dich!«
Fatima konnte weiterschwatzen, konnte mit eitler Befriedigung schöne Phrasen dreschen, aber Cathérine hatte schon begriffen, daß diese morgendliche Sendung noch etwas anderes enthielt als Früchte, und wären sie noch so herrlich. Sie zwang sich zu einem Lächeln, von plötzlicher Eile ergriffen, von all diesen Leuten und ganz besonders von Fatima befreit zu werden.
»Danke meinem alten Herrn für seine Großmut. Sage ihm, daß ich nie an seiner Herzensgüte gezweifelt habe und daß ich alles tun werde, das Herz dessen, den ich liebe, auf immer zu erobern. Wenn mir das nicht gelingt, weiß ich zu sterben …«, fügte sie beziehungsvoll hinzu.
Als sie bemerkte, daß ihre Besucherin sich nicht vom Fleck rührte und die Dienerinnen in ihrer Opferhaltung wie festgefroren schienen, rief Cathérine Morayma zu sich, die in diesem Augenblick eintrat, und machte ihr ein Zeichen, sich herunterzubeugen, damit sie leise sprechen konnte.
»Ich bin noch müde, Morayma. Ich möchte gern noch etwas schlafen, um mich zu stärken und noch schöner zu sein, wenn mein Herr wiederkehrt. Ist das möglich?«
»Alles ist möglich, o Rose der Rosen! Du brauchst nur zu befehlen. Man wird dich ruhen lassen, solange du willst! Ich freue mich, daß du so vernünftig bist, so bemüht, zu gefallen! Du wirst es weit bringen!«
Ihre mit Henna gefärbte Hand wies auf die noch verschwollenen Augen der jungen Frau.
»Ein Glück, daß der Herr abwesend ist. So wirst du viel Zeit haben, den Glanz des Glücks wiederzufinden! Hinaus mit Euch!«
»Besuche mich bald wieder, Fatima!« sagte Cathérine zu der dicken Negerin, die sich ziemlich enttäuscht anschickte, den Raum mit den anderen zu verlassen. »Ohne Zweifel werde ich deiner bedürfen und werde immer glücklich sein, dich zu sehen.«
Mehr war nicht nötig, um die noch vor einem Augenblick niedergeschlagenen Pfauenfedern zu ihrer alten arroganten Größe wieder aufzurichten. Geschwollen vor Überheblichkeit und sich schon als Vertraute der Lieblingsfrau, vielleicht sogar der künftigen Sultanin sehend, die dem Kalifen einen Sohn schenkte, rauschte Fatima majestätisch hinaus, hinter sich die Trägerinnen der königlichen Geschenke.
»Schlafe jetzt«, sagte Morayma, die rosafarbenen Musselinvorhänge vor Catherines Bett zuziehend. »Und iß nicht zu viele Früchte«, fügte sie hinzu, als sie sah, daß die junge Frau den Obstkorb zu sich heranzog. »Man wird aufgebläht, wenn man es übertreibt, und was die Folgen betrifft …«
Der Satz blieb unbeendet. Morayma hatte sich plötzlich zu Boden geworfen und blieb so liegen, die Hände ausgebreitet, das Gesicht flach auf dem Teppich. Auf der Schwelle des Gemachs, im graziösen Rahmen eines maurischen Bogens, stand Prinzessin Zobeida.
Ihr gelöstes Haar hing bis zu den Lenden herab, und sie trug lediglich eine Art ärmelloses Negligé aus blaugrünem Brokat, das von einem dicken Goldreif in der Taille zusammengehalten wurde, aber trotz dieses Hauskleids bot ihre zierliche Gestalt ein perfektes Bild reinen Stolzes. Catherines Herz klopfte, als Morayma ihr schnell zuzischelte:
»Steh auf und knie nieder! Es ist die Prinzessin …«
Keine Macht der Welt hätte die junge Frau zwingen können zu tun, was ihr geheißen. Sich niederwerfen vor dieser Wilden, die es wagte, ihr den Gatten zu rauben? Nicht einmal der primitivste Trieb der Selbsterhaltung konnte sie dazu nötigen! Der Haß, den diese Frau in ihr erregte, verbrannte sie. Unbeweglich, nun gerade ihren schönen Kopf stolz hebend, sah sie der anderen zornbebend mit schmalen Augen entgegen.
»Aus Mitleid … für dich und für mich, knie nieder!« zischte Morayma bestürzt, während Cathérine nur verächtlich mit den Schultern zuckte.
Inzwischen war Zobeida ans Bett getreten. Ihre großen dunklen Augen prüften die Liegende mit einer Neugier, die sich zum Zorn steigerte.
»Kannst du nicht hören, was man dir sagt? Du hast dich vor mir niederzuwerfen!«
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