Ihr Lachen klang bitter.

»Derlei Redensarten hatte ich hier zu hören erwartet. Bald werdet Ihr sagen, ich sei vom Dämon besessen.«

»Gibt es in Eurem Herzen ein einziges Gefühl, das nicht Haß ist?«

Und da sie schwieg, fuhr er mit seiner monotonen und dennoch fesselnden Stimme fort:

»Der Böse ist der Haß ... Der Böse ist derjenige, der die Liebe nicht mehr fühlt. Er ist das andere Gesicht, das der Liebe gegensätzliche, von ihr unberührte Gesicht: der Haß. Die giftige Blume, deren Samen er um sich streut. Die edlen Herzen sind ihm geneigter als andere. Wißt Ihr nicht, daß der Böse sich von Blut, Leid und Niederlagen nährt?«

Ein unerwarteter Ausdruck fast physischen Schmerzes verzerrte seine Züge, und mit unendlicher Trauer rief er aus:

»Ihr habt die Macht Eurer Schönheit über die Männer dazu benutzt, um sie in den Haß, ins Verbrechen und in die Revolte zu treiben! ... Und dennoch nennt Ihr Euch Angélique ... Tochter der Engel!«

In diesem Augenblick war es, daß sie ihn wiedererkannte.

»Bruder Jean! ... Bruder Jean! Ihr wart es doch, der mich damals in den Schutz Eurer Zelle brachte? Oh, Ihr seid es. Ihr seid es gewiß. Ich erkenne Euch an Euren glänzenden Augen .«

Er nickte schweigend. Er sah das kleine Mädchen mit dem lichten Haarschopf wieder, der ein liebreizendes, unschuldiges Kindergesicht umrahmte, und doch war es schon raffiniert gewesen wie das einer Frau, und die Augen von der Farbe des Frühlings hatten ihn neugierig forschend betrachtet.

»Reines Kind«, murmelte er, »und was ist nun aus Euch geworden?«

Etwas zerbrach im Herzen Angéliques.

»Man hat mir Böses angetan«, stammelte sie. »Oh, wenn Ihr wüßtet, Bruder Jean, was mir das Leben angetan hat!«

Sein Blick glitt zu dem Kruzifix hinüber, das sich an der gegenüberliegenden Wand erhob.

»Was hat man Ihm nicht angetan? .«

In dieser Nacht vermochte sie nicht zu schlafen. Wie damals war der trügerische Schleier des Friedens der Abtei zerrissen, und die Gegenwart des Geistes der Finsternis war offenkundig geworden. Der dünne Ton der Glocke, die die nächtlichen Stunden anzeigte, die Gebete der Frühmesse erinnerten an den ewigen Kampf. Die Mönche wandelten mit ihren Lampen durch die Kreuzgänge zur Kapelle. »Betet, betet, o Mönche«, dachte sie, »solange die Finsternis die schlafende Erde regiert.«

Der Geist des Bösen zeigte hier sein höhnisch verzerrtes Gesicht. Wenn sie die Augen schloß, war es ihr, als höre sie Blut rieseln. Sie streckte die Hand aus, um den Arm der schlummernden Honorine zu berühren. Nur der Schutzwall des Kindes schien ihr stark genug, um sie bis zum Ende der endlosen Nacht vor den Schrecken in ihrer Brust zu bewahren. Erst im Morgengrauen, als die Hähne zu rufen begannen, sank sie in Schlaf.

Trotzdem gab sie sich nicht geschlagen. Von neuem verlangte sie den Vater Abbé zu sprechen.

»Was hätte ich ohne den Haß getan?« fragte sie ihn. »Hätte er mich nicht gestützt, wäre ich vor Verzweiflung gestorben, wäre ich zugrunde gegangen, dem Wahnsinn verfallen. Der Geist der Rache, der mich erfüllt, ist wie ein Panzer, der es mir erlaubt, am Leben zu bleiben und einen klaren Kopf zu behalten. Glaubt mir!«

»Ich zweifle nicht daran. Es gibt Stunden im Leben, in denen wir nur durch Hilfe des göttlichen Geistes, durch eine der unseren übergeordnete Kraft bestehen können. Der menschliche Geist ist so wenig widerstandsfähig. Im Glück mag er sich noch genügen, aber im Leid muß er sich zu Gott oder zum Dämon wenden .«

»Ihr leugnet also nicht die Notwendigkeit des Gefühls, in das ich mich gestürzt habe?«

»Ich werde niemals die Macht und die geistige Kraft Luzifers leugnen. Ich kenne ihn zu gut.«

»Ah, Ihr verirrt Euch schon wieder in plumpe Verallgemeinerungen. Ihr versteht nichts von dem, was auf Erden geschieht.«

Sie ging vor ihm auf und ab, prachtvoll anzusehen mit ihrem dichten, auf die Schultern fallenden Haar, dem erhobenen Kinn, den blitzenden Augen, völlig unbewußt übrigens des Anblicks, den sie bot, ganz und gar von ihrem inneren Kampf in Anspruch genommen.

Unbeweglich und teilnahmslos wie eine Statue, folgte ihr der Vater Abbé mit dem Blick, in dem allmählich bei ihrem ewigen Hin und Her ein feines, ironisches Licht aufglomm.

»Ihr werdet Euch vergeblich dagegen verteidigen, vom Dämon besessen zu sein, meine Tochter. Selbst unwissende Augen müssen erkennen, daß Euer stürmisches Benehmen allein schon ein paar Tropfen Weihwasser fordert.«

»Ihr macht mich rasend«, erwiderte sie. »Ich bin voller Unrast, weil ich mich rechtfertigen möchte und es nicht mehr gewohnt war, über solche Fragen nachzudenken. Wer sagt Euch, daß meine Sühnung, die Ihr mir vorwerft und die mich dazu trieb, die Waffen gegen eine unerträgliche Tyrannei zu erheben, mit dem zerstörenden Bösen zu tun hat und nicht mit dem von Christus geforderten Geist der Gerechtigkeit?«

Er schien das Argument zu überdenken.

»Ihr seid kein leichter Gegner«, gestand er zu. »Sprecht also . Erklärt Euch .«

Es verlangte sie danach zu sprechen, nachdem sie so lange geschwiegen hatte. Die Worte drängten sich über ihre Lippen, die Sätze stießen sich, abgehackt und wie unmittelbar aus ihrem Herzen gerissen, in einer Zusammenhanglosigkeit, die sie zur Verzweiflung brachte: der König, der Scheiterhaufen, die Frömmler, Colin Paturel und Monsieur de Breteuil, die Armen aus den Untergründen von Paris, ihr ermordetes Kind, die Protestanten, die Korruption, die Steuern ...

Was konnte er diesem ungeordneten Wortschwall entnehmen? Nichts! Er würde ihr nur Predigten halten. Von Zeit zu Zeit warf sie ihr Haar zurück, das ihre Heftigkeit immer wieder ins Gesicht fallen ließ. Sie konnte nicht aufhören, hin und her zu gehen und zu sprechen. Manchmal legte sie beide Hände auf die Armlehne seines Stuhls, sich über ihn neigend, um ihm ihre Wahrheit besser versetzen zu können.

»Ihr werft mir das durch meine Befehle vergossene Blut vor. Aber ist das im Namen Gottes vergossene weniger rot?«

Er setzte ihrem wütenden Zorn ein steinernes Gesicht, einen plötzlich erloschenen, undurchdringlichen Blick entgegen.

»Ja, ich weiß, was Ihr denkt«, fuhr sie fiebrig fort. »Das Blut der protestantischen Kinder, die man auf die Piken wirft, ist natürlich unrein. Die Wünsche des Königs dagegen sind heilig, die Leiden des Volkes sind gerecht und gerechtfertigt, ja sogar verdient. Sie hätten sich ja nur darum zu bemühen brauchen, adlig zur Welt zu kommen. Den Großen gehorchen, die Schwachen vernichten ... so ist das Gesetz.«

Sie war buchstäblich vom vielen Sprechen erschöpft, ausgeleert, die Stirn in Schweiß gebadet ...

Er erhob sich, ihr bedeutend, daß die Stunde der Vespergebete gekommen sei. Sie sah ihm nach, während er sich durch den Kreuzgang entfernte, die Hände in den Ärmeln verborgen, unter seiner Kapuze einer hohen Kerze gleich. Er hatte nichts verstanden. Er blieb eingeschlossen in seine hoheitsvolle Ruhe.

Indessen schlief Angélique in dieser Nacht besser, und als sie erwachte, fühlte sie sich wie von einem lastenden Gewicht erleichtert.

Der Vater Abbé ließ sie rufen. Wollte er ihr die Leviten lesen oder hielt er einen tröstenden Sermon für sie bereit? Sie war es zufrieden, mit ihm die Degen kreuzen zu können. Die Stirn wie zum Angriff gesenkt, trat sie ein und war verwundert, ihn in ein Gelächter ausbrechen zu sehen.

»Mir scheint, Ihr wollt Euch auf mich stürzen, Madame. Bin ich denn ein so gefährlicher Feind, daß die Rebellin des Poitou sich darauf vorbereitet, alle ihre Waffen gegen mich einzusetzen?«

»Nennt mich nicht mehr mit diesem Namen, ich bitte Euch«, murmelte sie bedrückt.

»Ich glaubte, Ihr seid stolz auf ihn.«

Plötzlich sterbensmüde, wandte sie die Augen ab. Sie würde in dieser Auseinandersetzung nicht die Stärkere sein.

»Ich bedauere nichts«, sagte sie. »Ich werde nie etwas von dem bedauern, was ich getan habe.«

»Aber Ihr fürchtet Euch vor Euch selbst.«

Angélique biß sich auf die Unterlippe.

»Ihr könnt nicht verstehen, was ich empfinde, Vater.«

»Möglich. Aber ich fühle Eure Qual, und ich sehe vor allem die düstere Aureole, die Euch umgibt.«

»Die Aureole?« murmelte sie träumerisch. »Die muselmanischen Heiligen sprachen davon ... Ist sie so düster, Vater?«

»Ihr zittert schon bei dem Gedanken, Euch über Euch selbst zuneigen. Was fürchtet Ihr eigentlich zu sehen?«

Sie starrte ihn an. Seine wie Quecksilber glänzenden Augen durchdrangen sie bis auf den Grund ihrer Seele. Sie konnte ihren Blick nicht von ihnen lösen.

»Befreit Euch«, drängte er, »sonst werdet Ihr Euren Lebensmut nie wiederfinden.«

»Lebensmut? Warum Lebensmut? Ich lege keinen Wert auf Lebensmut.«

Sie stand vor ihm, beide Hände an ihrer Kehle, als ob sie erstickte.

»Was sollte ich mit dem Leben anfangen? Ich spuck’ darauf, ich hasse es . es hat mir alles genommen, hat aus mir die Frau gemacht, vor der ich .ja, es ist wahr ... Angst empfinde.«

Erschöpft ließ sie sich auf den Schemel sinken.

»Ihr könnt es nicht verstehen, aber ich stürbe gern.«

»Es ist nicht wahr. Ihr könnt Euch nicht nach dem Tode sehnen.«

»O doch, ich versichere es Euch.«

»Ihr seid nur müde. Aber die Sehnsucht nach dem Tode, die Lust am Tode steht nur denen offen, müßt Ihr wissen, die mit ihrem Leben - kurz oder lang - zufrieden sind, die es erfüllt, die es so gelebt haben, wie sie es zu leben wünschten. Kennt Ihr den Gesang des Greises Simeon? »Meine Augen haben den Erlöser der Welt erblickt, nun kann ich sterben.< Doch solange ein Wesen sich nicht verwirklicht hat, solange es fern von seinem Ziel irrt, solange es nur Niederlagen erlitten hat, kann es nicht den Tod herbeisehnen. Das Vergessen, den Schlaf, das Nichts, ja ... Lebensmüdigkeit? Das ist nicht der Tod, der Schatz, den Gott uns mit unserem Sein anvertraut hat, das unaussprechliche Versprechen .«