Inbrünstig faltete er die Hände vor seiner Brust. »O Tod, beeile dich! Du allein erlaubst mir, sie zu befreien!«

Sie hatten den Ruf des Käuzchens überhört. Plötzlich erschien in der Öffnung zur Schlucht ein Reiter mit großem Spitzenkragen und im Winde flatterndem Helmbusch. Hinter ihm drängten sich mit Lanzen bewaffnete Männer in roten Röcken.

Angélique riß Honorine in ihre Arme. Der Abbé packte seine Muskete und deckte ihren Rückzug, während sie sich zwischen die Bäume warf und, mit dem ihren Hals umklammernden Kind auf dem Rücken, den Abhang hinaufkletterte. Herunterrollende Steine verrieten die Flucht der Partisanen, die sich so hoch wie möglich in der schlüpfrigen Schluchtwand verteilten.

Der Offizier faßte sich als erster.

»Da sind sie!« schrie er. »Wir sind in ihren Schlupfwinkel gefallen. Auf zur Wolfsjagd, Kinder!«

Die Soldaten sprangen aus den Sätteln und setzten zur Erstürmung des Abhangs an.

Angélique und ihre atemlosen Begleiter beobachteten die Annäherung der Rotröcke.

»Sie kommen ...«

»Wartet noch einen Augenblick ... Steigen wir noch ein wenig höher.«

Als die Soldaten die steilste Stelle des Abhangs dicht unter dem Kamm erreicht hatten, rief sie:

»Die Steine! Die Felsen! .«

Dumpfes Gedröhn erfüllte den dunklen Engpaß. Von den Bauern in Bewegung gesetzt, rollten riesige Steine, ganze Felsblöcke in die Tiefe und rissen auf ihrem Weg die in unsicheren Stellungen an den Steilhang gekauerten Soldaten mit. An Kopf oder Brust getroffen, verloren sie den Halt, stürzten und purzelten in wildem Durcheinander zu Tal.

Mit ihren Schultern stemmten die Bauern die mächtigen Granitblöcke, die seit Jahrhunderten über den Abgrund hingen, aus ihren Lagerungen. Schwerfällig polterten sie abwärts, rollten schneller und schneller, gegen die Baumstämme krachend, die ihnen den Weg verstellten, von neuem abspringend, um schließlich die am Fuße des Hanges versammelten Soldaten wie Ungeziefer zu zerquetschen.

Der Offizier ließ zum Sammeln blasen, und die Reiter begannen sich unter Zurücklassung der Toten mit ihren verwundeten Kameraden zurückzuziehen.

Noch im Sinken warf die Sonne purpurnes Licht über die Uniformen. Angélique beobachtete sie, zwischen den Zweigen hindurchspähend.

Sie erkannte den Offizier. Es war Monsieur de Brienne, einer jener Herren, die ihr in Versailles galant den Hof gemacht hatten. Ihn hier zu sehen, ließ sie die Weite des Weges ermessen, den sie seit den Tagen ihres flüchtigen Ruhms zurückgelegt hatte, ließ sie erkennen, welcher Abgrund, tiefer noch als diese Schlucht, sie für immer von jener Welt trennte.

Weit vorgebeugt, rief sie mit spöttischer Stimme, die lange zwischen den Schluchtwänden widerhallte:

»Ich grüße Euch, Monsieur de Brienne. Bestellt Seiner Majestät einen schönen Gruß von Bagatell-chen!«

Der König erblaßte, als er von diesem Auftrag erfuhr. Er riegelte sich in seinem Arbeitskabinett ein und blieb dort mehrere Stunden allein, das Gesicht in den Händen vergraben.

Dann ließ er den Kriegsminister kommen und befahl ihm, alles ins Werk zu setzen, um den Aufstand des Poitou noch vor dem folgenden Frühling zu unterdrücken.

Unter den Regimentern, die der König 1673 ins Poitou entsandte, befanden sich das 1. Regiment der Auvergne, befehligt von Monsieur de Riom, und fünf der ruhmreichsten Kompanien aus den Ardennen. Der König hatte von der abergläubischen Furcht der Soldaten vor den heimtückischen Fallen der Wildnis des Poitou gehört. Diejenigen, die er nun schickte, Söhne der Wälder der Auvergne und der Ardennen, waren seit ihrer Kindheit an die unheilkündende Dämmerung unter den Bäumen, an Wildschweine, Wölfe und Felsen gewöhnt und verstanden es, unsichtbaren Fährten zu folgen. Ihre Väter waren Holzschuhmacher, Holzfäller oder Kohlenbrenner. Sie waren nicht mehr in Rot gekleidet wie die Dragoner, sondern in Schwarz, und ihre Uniformen, ihre stählernen Helme mit hohem, scharfem Stutz und ihre engen, bis zur Höhe der Schenkel reichenden Stiefel erinnerten an die schrecklichen Spanier. Sie führten Jagdhunde mit sich, muskulöse, blutdürstige Doggen. Das abgehackte, atemlose Gedröhn ihrer hohen Trommeln erhob sich über das verödete, schreckerstarrte Land.